23. Dezember

Wieder klingelt es. Zum dritten Mal an diesem Abend! Frau Schley erhebt sich ächzend aus ihrem Fernsehsessel und schlurft zur Tür. Sie dreht den Schlüssel zweimal um, bis sich die Tür öffnet. Draußen steht eine junge Frau, die sie nicht kennt.

„Guten Abend, äh, entschuldigen Sie, dass ich so spät noch klingele. Ich komme wegen meines Pakets. Ich bin die Neue aus dem Dachgeschoss, äh, Hartmann“. Während sie spricht, tänzelt das junge Ding, kann nicht ruhig stehen, was ist denn mit der los, denkt Frau Schley und schaut auf den Stapel Pakete neben der Tür. Sie rückt ihre Brille zurecht und bückt sich, was weh tut, und schaut nach dem richtigen Namen. „Soll ich vielleicht?“, fragt das junge Ding und hat schon einen Fuß in der Tür. „Seh ich so aus, als könnt ich das nicht mehr?“, fragt Frau Schley und funkelt das junge Ding angriffslustig an. Soll sich bloß nichts einbilden, dieses zugezogene Grüngewächs. „Nein, entschuldigen Sie,“ stammelt das junge Ding und zieht seinen Fuß schnell wieder zurück. Endlich hat Frau Schley das richtige Päckchen gefunden. Sie übergibt es wortlos. „Danke noch mal und frohe Weihnachten,“ sagt das junge Ding, Frau Schley nickt und schließt die Tür. Wieso noch mal? Hat die sich schon vorher bedankt? Nee. Sie beschwert sich ja nicht, dass sie seit einiger Zeit die Poststelle im Haus ist, aber ein bisschen mehr Geduld und Anstand seitens der Nachbarn, das wäre ihr schon recht. Und nicht ständig abends klingeln, schon gar nicht an Weihnachten! Sie schnaubt und trippelt zurück zum Sessel. Der Film, den sie gerade schaut, hat sich schon im Galopp weiter entwickelt, der Arzt und die Krankenschwester sind bereits ein Paar. „War ja abzusehen“, seufzt die Schley und legt die Beine hoch. „Is eh immer dit selbe“. Sie greift sich eine Praline aus dem Kasten auf dem Tischchen neben dem Sessel. Da klingelt es schon wieder. Doch für heute ist Feierabend, beschließt sie. Die Post hat zu. Sie schaltet auf einen anderes Programm, aus der Filmhandlung ist sie eh raus und irgendwie langweilt sie das alles, immer diese Liebe, der Schmerz, sie kann das heute Abend nicht mehr sehen. Auf den anderen Sendern kommt auch nur Mist, schlecht gelaunt schaltet Frau Schley den Fernseher aus. Es ist 22 Uhr, als es nochmals klingelt. Da sie sowieso gerade steht, geht sie an die Tür und malt sich schon aus, was sie dem dreisten Menschen, der um diese Uhrzeit sein Paket haben will, an den Kopf werfen wird. Draußen steht das kleine Mädchen, das nebenan wohnt.“ Meine Mama ist tot,“ stammelt sie, das Gesicht ist kalkweiß. Frau Schley schluckt und zieht den Schlüssel aus dem Schloss. „Ganz ruhig Kindchen, zeig mir mal deine Mutter,“ sagt sie und zieht ihre Wohnungstür zu. Das Kind geht stumm voraus, es steht sicherlich unter Schock, denkt die Schley und was die dumme Pute von Mutter jetzt wohl wieder eingeworfen hat, dass sie ihr Kind so erschreckt. Sie folgt dem Mädchen ins Wohnzimmer, wo die Mutter auf der Couch liegt. „Mama, Mama“, schreit das Kind und rüttelt an ihren Schultern. Doch sie bewegt sich nicht. Frau Schley schaut sich nach einem Telefon um. „Wir müssen einen Krankenwagen rufen“, sagt sie und registriert sorgenvoll die leeren Tablettenhüllen, die auf dem Wohnzimmertisch liegen. Das Mädchen schluchzt und holt das Telefon aus dem Flur, die Schley wählt die 112. Als sich am anderen Ende die Feuerwehr meldet, beschreibt sie, was los ist. Sie bemerkt wie ihre Hand, in der sie das Telefon hält, zittert. Hätte mich wärmer anziehen sollen, denkt sie, als sie dem Mädchen das Telefon zurückgibt. „Wie heißt du eigentlich?“ fragt sie. „Jenni“, antwortet das Mädchen. Müsste jetzt neun sein, denkt die Schley, war ja ein Baby als die Mutter einzog. Sie fasst der Mutter an die Schläfe und spürt einen leichten Puls. „Deine Schwester schläft?“, fragt sie. Jenni nickt. „Könnt ja nicht alleine hier bleiben, wenn sie Eure Mutter mitnehmen“, denkt sie laut. „Können Sie hier bleiben?“, fragt Jenni und schaut so verzweifelt, dass sie Mitleid kriegt. „Habt Ihr keinen Papa oder eine Oma?“. Jenni schüttelt den Kopf und fängt an zu weinen. „Nu, bloß nich weinen,“sagt die Schley schnell und tätschelt dem Kind den Kopf. „Dann bleib ich eben hier.“ Sie räumt Spielzeug von einem Sessel und setzt sich, Jenni kniet vor der Couch und kuschelt sich an ihre Mutter, es ist ein herzzerreißendes Bild. Die Schley wischt sich eine Träne aus dem Augenwinkel und betet, dass endlich der olle Rettungswagen kommt. Und tatsächlich klingelt es. Sie wuchtet sich hoch und wankt zur Tür, sie fühlt sich schwindelig. Die Sanitäter sind zum Glück auf Zack, untersuchen die Mutter, wuchten sie auf die Bahre und sind so schnell wieder draußen, dass die Schley gerade noch fragen kann, in welches Krankenhaus die Reise geht. „Virchow“, kommt die Antwort aus dem Treppenhaus. Keiner fragt, wer sie ist oder was mit den Kinder passieren soll. Die Schley spürt einen Kloß in der Kehle. „Siehste, deine Mutter ist nicht tot, sonst hätten sie ja gleich den Leichenwagen genommen,“ versucht sie Jenni zu beruhigen. Das Kind nickt. „Und morgen gehst du ganz normal zur Schule und danach besuchen wir die Mama im Krankenhaus.“ Die Schley wundert sich über sich selbst. War Jahrzehnte lang Erzieherin, aber mit Kindern hatte sie nie viel am Hut, nervige Bälger. Wollte daher selber nie welche. An diesem Abend spürt sie zum ersten Mal, dass sie sich kümmern will, kümmern muss. Sie schickt Jenni in ihr Bett und macht es sich auf dem Sofa bequem auf dem gerade noch die Junkiemutter lag. Sie ist zu erschöpft, um noch mal in ihre eigene Wohnung zu gehen, um sich umzuziehen. Sie wickelt sich in eine Wolldecke, die sie auf dem Fußboden gefunden hat, und schläft sofort ein.

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