DDR-Linoleum

Auf dem Christopher-Street-Day am vergangenen Samstag habe ich endlich herausgefunden, warum es in DDR-Gebäuden früher immer so gestunken hat. Es lag am Linoleum! Und das kam so: In der Kinderbastel-Ecke der Schwulen- und Lesben-Party auf dem 17. Juni konnten Groß und Klein Linolschnitte anfertigen. Dumm gefragt, aus was denn das Material bestünde, womit gedruckt wurde, antwortete der hilfsbereite Hobby-Anleiter: „Altes DDR-Linoleum“. Ich roch daran, und – ganz klar – es stank wie früher und manchmal heute noch im Osten. So ritzten wir mit angehaltenem Atem Fernsehtürme und Sonnen in die Stücke aus Fußbodenbelag, bemalten sie mit bunten Farben und bedruckten … DDR-Linoleum weiterlesen

Besetzt

Am Tag als Mo das Kalenderblatt abriss, war es ihr plötzlich klar. Oktober. Nur noch ein Monat, dann waren sie draußen. Mo warf den September in den Müll und räumte das Frühstück ab. Sie brauchte dringend einen Plan, also kehrte sie die Brotkrümel zusammen und setzte sich an den Küchentisch, der aus einer alten Tür bestand mit vier Abflussrohren als Beinen. „Der Plan“ schrieb sie auf eine Seite des Collegeblocks, den Jim liegen gelassen hatte. Mo dachte nach und sah sich um – 200 Quadratmeter Fabriketage, davon der größte Teil Wohnküche und Büro. Nur die Schlafzimmer und das Bad waren … Besetzt weiterlesen

Der erste Tag

  Mowe hatte den Job. Ausgewählt aus hunderten von Bewerbern trat sie an einem grauen Montagmorgen vor den Fahrstuhl eines hässlichen Bürohauses. Überall Neonlicht, obwohl der Herbst noch gar nicht richtig angefangen hatte. Die Fahrstuhltür öffnete sich, aber die Kabine war bereits so voll, dass sie sich entschied zu laufen. Die Tiefgarage, fiel Mowe ein, daher kamen die anderen. Sie seufzte, als sie die Tür zum Treppenhaus aufstieß. Das waren jetzt also die neuen Kollegen, ein Verlag, der Sportbücher veröffentlichte, aber keiner bewegte sich auch nur einen Schritt mehr als nötig – vom Auto in den Fahrstuhl – das war´s. … Der erste Tag weiterlesen

Lieber Bowling

Heute war unsere spanische Austauschschülerin im Konzentrationslager Sachsenhausen nördlich von Berlin.  Da gehen fast alle Schüler hin, wenn sie von außerhalb kommen, von außerhalb wohlgemerkt. Die Berliner Schüler brauchen das nämlich nicht. Die gehen am Wandertag in den Hochseilgarten, zum Bowling oder zur Drogenberatung. Historische Orte zu besuchen, kommt auf dem Stundenplan so gut wie nie vor. So passiert es, dass mancher Schüler, der Abitur macht, nicht mal das Brandenburger Tor kennt. Einige Berliner Lehrer haben deshalb von den Touristen gelernt. Sie organisieren Stadtrundfahrten für ihre Schüler. Die dürfen dann am Potsdamer Platz und Schloss Charlottenburg aussteigen und Fotos machen. Auch noch Gedenkstätten zu … Lieber Bowling weiterlesen

Alte Freundinnen

Teresa packte ihre Sachen. Sie fühlte sich alt und schmutzig und freute sich auf die willkommene Abwechslung. Nach dem Tag im Büro war sie zuhause erschöpft auf das Sofa geplumpst und hatte sich eine Weile nicht mehr gerührt. Nebenan hatten die Nachbarskinder gestritten, irgendwo lief ein Fernseher. Nur bei ihr war es still gewesen. Sie hatte eine Praline gegessen, die noch vom Vorabend übrig geblieben war und dabei war ihr unwohl gewesen. Nur nicht wieder einen Abend vor der Glotze hatte sie gedacht und da war ihr die Idee mit der Sauna gekommen. Wann war sie das letzte Mal dort … Alte Freundinnen weiterlesen

Deutsches Essen

Besuch aus Barcelona, eine Schülerin, die deutsch lernen soll. Und deutsche Kultur kennenlernen. Fangen wir in der Küche an: Was soll es heute Abend zu essen geben? Buletten mit Kartoffelsalat –  ewig nicht gegessen und Fleisch ist doof. Aber was Deutsches sollte es schon sein. Also Sauerkraut. Im Sommer? Auf keinen Fall. Womöglich noch mit Kassler, oh mann. Mal überlegen: Feldsalat mit Radieschen, ja, das könnte klappen, dazu eine Dose Mais. Nee, Mais ist nicht deutsch, oder? Den essen hier nur die Viecher oder er wird zu Treibstoff verbraten. Jetzt das Hauptgericht: Currywurst mit Pommes. Schon wieder Fleisch? Muss ja … Deutsches Essen weiterlesen

Getreide

    Es lag so ein Sirren in der Luft. Über den frisch geschorenen Feldern kreisten Kraniche, Adler und eine brütende Hitze nahm allem den Atem. Vier Störche folgten dem Mähdrescher in ruhigen, staksigen Schritten, die Wolke aus Getreidestaub, die wie dicker Rauch über dem Feld stand, störte sie nicht. Sie hatten nur Augen für das, was das Ungetüm preisgab. Käfer und Würmer ohne den Schutz der Halme. Ich wollte ausspannen, Ferien machen, ziellos übers Land radeln und faul sein. Doch das geschäftige Treiben der Bauern ließ mich zweifeln. Dort die einen, die ab morgens um vier bis Mitternacht das … Getreide weiterlesen